Der Hort

Die Sonne war jung und neu der Mond,

von Göttern Himmel und Erde bewohnt.

Die Götter waren der Erde hold

und sangen und schenkten ihr Silber und Gold,

Silber sprühten sie über die Wiesen,

ließen die Bäche von Gold überfließen.

So war es, eh' unter grünem Plan

Grube und Abgrund sich aufgetan.

Eh' Zwerg oder Drache ins Dasein trat,

wandelten Elben auf lichtem Pfad,

beherrschten Lande und blaue Lagunen

und Meere mit guten Zauberrunen,

schufen auch viele köstliche Dinge,

Elbenkronen und Herrscherringe.

Doch kam ein Tag: Ihre Zeit war um,

die Lieder verdorrten, dieWelt ward stumm,

erobert vom Eisen, vom Stahl geknechtet,

die Freude erschlagen und entrechtet.

Gier hielt Einzug und herrschte hinfort,

die kein Ding schuf, nur häufte zum Hort;

die nichts verschenkte, nur nahm und nahm,

bis der Schatten fiel und Finsternis kam.

In düsterer Höhle ein uralter Zwerg

saß und bewachte den Schatz im Berg.

Er dachte nur mehr an Silber und Gold,

das er immer und ohne Maß gewollt.

Am Amboß hatte er Tag und Nacht

Münzen geschlagen und Ringe gemacht,

zur Zierde nicht, sondern nur für's Versteck;

er häufte sie dort für den großen Zweck:

Kaufen wollte er Krone und Macht -

bis er sich fast um alles gebracht,

denn er grub mit Händen und Fingern danach,

bis die Hand verdorrte, der Finger brach.

Sein Blick wurde matt, er hörte nicht mehr,

seine Haut wurde rissig, sein Hirn wurde leer,

seinen fühllosen Fingern entglitten Juwelen,

ungezählte, beim täglichen Zählen.

Weder rasselnde Tritte noch Dröhnen vernahm

er, als der junge Drache kam,

seinen Durst zu löschen am sprudelnden Quell.

Dessen Wasser aber verdampfte schnell,

Flammen beleckten den feuchten Grund,

der Zwerg verkohlte vorm Drachenschlund,

zerfiel zu Asche, verdarb allein

bedeckt von Schutt und bröckelndem Stein.

Snow Dragons (c) by Graeme Base

Im Berg ein uralter Drache lag

in finsterer Höhle Nacht wie Tag.

Sein Auge blinzelte trüb und rot,

Jugend und Freude waren tot.

Verhornt und verknöchert liebte er doch

den Hort, den heimliche, immer noch,

und bewachte wie eh und je sein Hab

und Gut - und sein Feuer nahm ab und ab.

Am schleimigen Bauch klebte Edelstein

an Edelstein - und sie waren sein

wie Silber und Gold, das er beroch

und täglich beschnupperte noch und noch!

Er wußte, wo selbst der simpelste Ring

unter der schwarzen Schwinge hing,

und grübelte stets über Räuber und Diebe,

die er schlagen wollte mit einem Hiebe,

träumte auf seinem harten Bett

von lebendigem Fleisch und triefendem Fett,

von zermalmten Knochen, blutigem Trank.

Sein Ohr erschlaffte, sein Atem sank...

Waffen klirrten! Er hörte es nicht.

Eine Stimme rief wie zum Gericht,

und ein junger Krieger trat bewehrt

vor den Uralten hin mit langem Schwert.

Des Drachen Zähne, noch messerscharf,

nütztem ihm nichts: Der Krieger warf

seinen Speer nach ihm, und das Schwert durchhieb

seinen Rumpf. Er starb. Und das Eisen blieb.

Ein uralter König saß auf dem Thron,

schneeweiß wallte der Bart ihm schon

bis über die Knie; er schmeckte nicht mehr

weder Speise noch Trank, er atmete schwer,

taub war sein Ohr; bei Tag und Nacht

hatte er nur des einen gedacht,

seiner Eichentruhe, der reich geschnitzten,

von Eisenbeschlägen trefflich geschützten:

Sein Gold und Silber lag drin verwahrt,

mit Blut erkauft, unter Opfern gespart.

Doch die Waffen der Wächter wurden stumpf,

von Rost zerfressen, ihr Klang ward dumpf,

und Unrecht nahm überall im Land

nur zu und zu und überhand.

Die Hallen leer, die Säle kalt -

aber das Gold war in seiner Gewalt!

Er hörte nicht den Hörnerklang,

der vom Bergpaß zu ihm herunterdrang,

roch nicht das oben vergossene Blut

im zertrampelten Gras in der Mittagsglut...

Seine Hallen stürzten, das Königtum

ging kampflos unter und ohne Ruhm.

In die Tiefe warf man, achtlos zerbrochen,

sein mürbes Gebein zu anderen Knochen.

St. George's Dragon (c) by Graeme Base

Liegt ein Schatz unter eisengrauem Basalt,

vergessen längst und ur-uralt

hinter Tür und Tor, und niemand weiß,

wie man sie öffnet, auf wessen Geheiß.

Seltsam, über dem alten Gelaß

weiden Schafe das grüne Gras,

Lerchen steigen und Winde wehn,

Nacht verhüllt, was vorzeiten geschehn,

finsteres Unrecht und schwere Strafen.

Die Erde wartet, die Elben schlafen.

aus: J.R.R. Tolkien: Die Abenteuer des Tom Bombadil und andere Gedichte aus dem Roten Buch, Stuttgart 1984

zur Startseite zur vorherigen Seite zur nächsten Seite